Sonntag, 10. Februar 2013

Risikospiel? - Da ist wohl etwas schief gelaufen....

Zu den Geschehnissen am Wochenende erreichte uns ein Gastbericht von Jochen Grotepass der diesen auf seinem Blog bei Fankultur.com veröffentlicht hat und die Vorfälle auch etwas differenzierter betrachtet und den ein oder anderen mal etwas zum Nachdenken bewegen soll:

Gleich zu Beginn der Hinweis, dass ich mich mit diesem Blog vermutlich auf sehr dünnes Eis begebe. Dünnes Eis deshalb, weil ich mich weigere in das, nach unserem Spiel gegen Dynamo Dresden am vergangenen Freitag, unsägliche Verurteilen und Verteufeln aller Anhänger des Vereins aus Dresden einzustimmen. Weil ich mich weigere die kollektive Verurteilung aller Fans mitzumachen und weil ich mich weigere dem Wunsch der Internetgemeinde nach Lizenzentzug zuzustimmen. Ich weigere mich, weil es eine pauschale Verurteilung von Menschen ist, gegen die wir Anhänger unseres Vereins uns genauso wehren sollten. Am Beispiel der Berichterstattung vom Freitag bzw. Samstag ist wieder einmal offensichtlich, woran es den Berichterstattern mangelt. Differenzierte Sicht und Abgrenzung gegenüber pauschalen Urteilen.

Dünnes Eis aber auch, da es sehr wohl auf Angriffe auf Shuttlebusse seitens Anhänger der SG Dynamo Dresden kam und die dabei in den Bussen angegriffenen Personen sehr wohl Ängste ausstehen mussten und, zumindest zwei von ihnen, Verletzungen davontrugen. Völlig unabhängig davon kam es zur Sachbeschädigung an den Shuttlebussen von ca. 70.000 Euro. Das alleine ist verwerflich und hat mit Fußball überhaupt nichts zu tun und wird selbstverständlich auch von mir verurteilt. Dieses Austicken, ausrasten oder wie es jemand schrieb “zombiehafte” Verhalten drückt sich offenbar in einer unendlichen Missachtung gegenüber anderen Menschen aus. Fußball scheint da eher ein Anlass als ein Grund für diesen Hass zu sein.

Rückwirkend betrachtet scheint es bald so, als ob es eine Inszenierung war, um dem “ungeliebten Kind”, den schwarz-gelben aus Dresden, eine Chance zu geben sich von seiner schlechten Seite zu zeigen. Vielleicht begebe ich mich hier zu sehr in die Ecke der Verschwörungstheoretiker, aber weshalb muss ein solches “Risikospiel” auf einen Freitagabend um 20:30 Uhr angesetzt werden und nicht, wie sonst bei riskanten Spielen üblich, auf einen Samstag oder Sonntagnachmittag um 13/13:30 Uhr? Alleine aus dieser Spieltagsansetzung ergeben sich zahlreiche Probleme mit der Sicherheit rund um das Stadion. Daneben arbeitete die Polizei seit dem 20. Dezember 2012 offenbar an dem Sicherheitskonzept rund um dieses Spiel, zumindest wenn man den Tweets der Polizei Kaiserslautern (@Polizei_KL) glauben schenken darf. Dabei herausgekommen ist ein Sicherheitskonzept das ich in diesem Umfang auf dem Betzenberg noch nicht erlebt habe. Glasfreie Zonen am Hauptbahnhof und rund ums Stadion gab es schon öfter. Sperrung des Umlaufs ums Stadion war mir aber neu, ebenso wie die Zuweisung des Messeplatzes als Parkplatz für Gäste. Hier wurde offenbar versucht mit allen Mitteln die Fantrennung hinzubekommen, was jedoch, nüchtern betrachtet, nie wirklich gelingen kann. Dazu sind die Anreisewege, die Herkunftsorte der Fans und auch die sicherlich bei dem einen oder anderen vorhandene kriminelle Energie zu unkalkulierbar.

Die Polizei plante wohl, die Anfahrtswege bei der Ausfahrt “Kaiserslautern Centrum” zwischen Gäste- und Heimfans zu trennen. Nicht anders ist zu erklären, weshalb die an sich dreispurige Straße auf zwei Spuren verringert wurde, eine  Polizisten durch Augenscheinnahme der Insassen offenbar abgesichert wurde.
Informationen wonach die Polizei wohl ⅔ der “Kategorie B und C”-Fans auf dem Weg nach Kaiserslautern verloren hatte machten recht schnell die Runde. Da waren wohl einige Dresdner Anhänger des erlebnisorientierten Fußballs der Meinung, nicht wie Schlachtvieh in Richtung Stadion abgeschoben werden zu wollen. Also stieg man wohl schon früher vom Bus auf Mietwagen um und umging somit der Sichtkontrolle der Polizei.
Während dem Spiel gab es auf Seiten der Dresdner einige Bengalo-Aktionen, jedoch keinerlei Versuche aus dem Block zu stürmen. Die breite Kunststoffolie, die seit 2010 die Blocktrennung zwischen Heim- und Gästefans definiert hat aber wohl am vergangenen Freitag das “zeitliche” gesegnet. Daraus wurde offenbar ein Sturm des Nachbarblocks, was zu einem massiven Polizeiaufgebot im Treppenbereich des Blocks führte. Unter Umständen denken Vereinsverantwortliche mal darüber nach, ob es wirklich sinnvoll ist den Familienblock auf die gleiche Tribüne zu legen wie den Gästeblock. Das ist aber nicht nur in Kaiserslautern so sondern durchaus auch in anderen Stadien.


Richtig heftig wurden die Ausschreitungen wohl nach dem Spiel. Genau hier setzen offenbar aber auch die Probleme bei dem Konzept der Polizei an. Im wesentlichen entstanden die Probleme wohl im Bereich der “Kantstraße”, als P+R Busse Lauternfans zum P+R Parkplatz fuhren. Diese Busse wurden wohl im leeren Zustand von der Polizei eskortiert, aber im besetzten Zustand “alleine” gelassen. Da der Weg der Busse den Weg der Dresdner Fans in Richtung Messeplatz nicht nur kreuzt sondern eine ganze Strecke begleitet, ist die Situation dann wohl audie sie auf die Straße warfen. Bäume, Bauzäune, Verkehrsschilder und deren Beschwerungen führten zunächst zum Stopp der Busse und dienten anschließend als Wurfgeschosse gegen die Scheiben. Dabei gingen die Scheiben zu Bruch und der Dresdner Mob versuchte die Insassen ins Freie zu ziehen, was wohl misslang. Ein Flaschenhagel prasselte auf die Busse nieder, da wohl vergessen wurde, die Container am Rande der Glasverbotszone, in die Flaschen und Gläser aller Art beim Betreten geworfen werden mussten, abzuholen oder zu leeren. Nur dem beherzten Auftreten der Busfahrer ist es wohl zu verdanken, dass nichts schlimmeres passiert ist. Von der Polizei war wohl zunächst nichts zu sehen. Auch mehrere Hilferufe über Funk von Busfahrern führte zunächst nicht zu einer Verbesserung.

Das die Polizei in diesem Zusammenhang von einen weitesgehend gelungenem Einsatzkonzept spricht, spottet wohl jeder Beschreibung. Wenn die Polizei bis heute keine Festnahme vorweisen kann, dann ist dies ein weiteres Indiz für ein völlig verkorkstes Sicherheitskonzept.

Interessant in diesem Zusammenhang ist die Aussage vom Einsatzleiter Franz-Josef Brandt in der Rheinpfalz vom Samstag: ”Ich bedauere die Verletzten und die Leute, die Angst hatten, sehr. Aber wir mussten wegen konkreter Hinweise auf massive Auseinandersetzungen zwischen den Fangruppen an mehreren anderen Orten in der Stadt umplanen. Deswegen konnten in der Kantstraße, wo wir kein derart großes Gewaltpotenzial erwartet hatten, nicht so viele Kräfte einsetzen wie geplant.” Hier nochmal der Hinweis, dass die Kantstraße der Weg war, auf dem die Dresdner zum Messeplatz laufen mussten, wo ihre Busse und Autos geparkt waren und gleichzeitig die Straße ist, auf der die P+R Busse fahren.

Was allerdings jetzt in den Foren und sozialen Netzen zu lesen ist, ist allerunterste Schublade. Angefangen von Lizenzentzug, über Verbote für Auswärtskarten bis hin zu dem dämlichen Ossi/Wessi Vergleichen werden alle Register gezogen, die man sich nur vorstellen kann. Für viele dieser Kommentare muss man sich einfach nur noch schämen. Forderten nahezu alle Fußballanhänger im Rahmen der Debatte über das “Sichere Stadionerlebnis” noch die Abschaffung der Kollektivstrafen, so sind es genau die gleichen Menschen heute, die alle Dresdner Anhänger pauschal verurteilen. Sorry Leute, das ist dumpf. Hier zeigt sich die durchschnittliche Halbwertszeit des Gedächtnisses eines Fußballfans die offenbar nicht länger als eine Halbzeit ist. Denn genau solche pauschalen Verurteilungen waren es in der Vergangenheit immer wieder, die nur eins hervorbrachten “Ungerechtigkeit”. Bei aller Emotion während eines Fußballspiels und all den Schmähungen denen man sich während der 90 Minute stellen muss, nach dem Spiel sollte der Menschenverstand wieder einsetzen. Das heißt ja nicht, dass alle wieder Freunde sind, aber wir alle sind doch in der gleichen Situation. Bis jetzt habe ich in allen Diskussionen nur gelesen, dass sich der Verein (Dynamo Dresden) halt was einfallen lassen soll, wie man das Problem der Gewalttäter in den Griff bekommt. Wäre hier nicht auch die Polizei gefordert? Wenn von der gesamten Aktion am Freitag nicht eine einzige Ingewahrsamnahme resultierte, nicht eine einzige Personalienfeststellung, dann sollte die Frage erlaubt sein, wo die Polizei denn bitteschön war, als das in der Kantstraße passierte? Ständig und überall wird man als Fußballfan gefilmt und auf Video festgehalten (Bürgerrechte? WTF?!). Nur hier waren keine Kameras anwesend? War es zu dunkel? Den Angreifern auf die Busse gehört die volle Härte des Gesetzes an den Hals gewünscht, keine Frage, aber ist es die Aufgabe des Vereins für die Identifikation zu sorgen? Was ist mit den Strafverfolgungsorganen in diesem Land. Eher werden alle E-Mails und Facebookkonten überwacht, als die Busstrecke vom Stadion zum P+R Parkplatz abzusichern. Warum waren keine Polizisten in den Bussen? Warum gab es keine Blocksperre, wie sonst in anderen Stadien üblich? Es scheint ein immer wiederkehrendes Problem bei den Polizeieinsätzen in Kaiserslautern zu geben. Bis zum Schlusspfiff wird alles strengstens überwacht und kontrolliert. Danach? Offenbar geht es dann an den Würstchenstand.

Solange aber die Ordnungsmacht nicht in der Lage ist, tatsächliche Gewalttäter zu ergreifen und zeitnah anzuklagen, solange werden dumpfe Parolen in den elektronischen und auch den gedruckten Medien dafür sorgen, auf einen Verein einzuprügeln. Es scheint so, als ob alle Medien nur darauf warten, dass es bei einem Spiel von Dresden irgendwo kracht. Kracht es nicht, ist man enttäuscht. Verschwörungstheoretiker dürfen jetzt durchaus noch weiter theoretisieren. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich diese Gedanken auch spinne.

Zu guter Letzt möchte ich jetzt auch noch einen Handschuh in Richtung unseres eigenen Anhangs werfen. Keine Ahnung warum, aber muss man wirklich am Boden liegende Anhänger des Gegners noch verhöhnen? Außerhalb des Stadions? Muss man da provozieren? Als ich am Freitag vom Berg herunterlief dachte ich mir mehrfach, wie schnell diejenigen die jetzt laut singen wohl rennen mögen, wenn die richtigen ihnen entgegenkämen? Ich kann mich an die Schmähgesänge der letzten Saison sehr wohl erinnern. Und ich weiß, wie sehr ich mich in der einen oder anderen Situation zusammenreißen musste, wenn das außerhalb des Stadions war. Kann nicht jeder, wenn er das Stadion verlässt sich einfach freuen, wenn man gewonnen hat und gegenüber dem Verlierer fair sein? Freudetrunken ja, unfair nein. Ich habe keine Ahnung, ob in den Bussen die angegriffen wurden dumme Gesänge dabei waren, deshalb hier meine Entschuldigung falls dem nicht so war. Aber ganz ehrlich kann ich mir das im Grunde nicht vorstellen.
Bitte respektiert die Grundregeln des fairen Wettkampfs. Wer am Boden liegt wird nicht weiter angegriffen.

Bleibt nur zu hoffen, dass es doch noch eine Gerechtigkeit gibt und unsere Sicherheitskräfte diejenigen identifizieren können, die für die Schäden und die Verletzungen verantwortlich sind. Hier gilt es anzusetzen und nicht Vereinen die Lizenz zu entziehen. Ach ja, diese ganzen Vorkommnisse werden auch in Zukunft durch das von den Mitgliedern der DFL abgenickte Paket “Sicheres Stadionerlebnis” in keiner Weise verhindert werden können. Denn alles was geschah, passierte außerhalb des Stadions (von der Pyroshow mal abgesehen). Alles fiel in den Zuständigkeitsbereich der Scharfmacher wie Innenminister und Polizeigewerkschafter. Vielleicht sollten sich diese Herren mal Gedanken machen, wie man solche Veranstaltungen besser absichert als geschehen.

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