Sonntag, 9. Dezember 2012

Sicherheitslücken oder Sicherheitslügen?

Die DFL beschwört die Gefahr im Stadion. Doch wie sicher ist der Stadionbesuch wirklich? „Regiogeflüster“ fragt nach. In der Fanzszene und bei der Polizei. Das Ergebnis: Die DFL liegt falsch. Zumindest in der Westpfalz.


Nicolas Thien ist Fußballfan aus Leidenschaft. Er ist Aktivist der Frenetic Youth, einer Gruppierung im Umfeld des 1. FC Kaiserslautern. Doch was zeichnet ihn eigentlich aus, den wahren Fußballfan? Was bedeutet Fankultur? „Das ist schwierig zu sagen“, setzt Thien an. „Die Fankultur ist sehr vielfältig. Es gibt von den Kuttenträgern bis zu den Ultras die verschiedensten Facetten des Fan-Seins. Eines ist sicher allen gleich: die große Leidenschaft für einen Fußballverein.“ Eine Begeisterung, die gesellschaftliche Barrieren überwindet. Und noch eines ist allen gleich: Die Begeisterung der Fans ist derzeit getrübt. Und zwar von einem wesentlichen Akteur des deutschen Fußballs selbst, nämlich von der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Die DFL hat das Papier „Sicheres Stadionerlebnis“ vorgelegt und damit Diskussionen entfacht. Obwohl die Sicherheit in deutschen Stadien auf „höchstem Niveau“ sei, fordert die DFL strenge Restriktionen. Was die Fußballfans auf die Palme bringt. Auch, weil sie nicht gefragt wurden, sich aber laut DFL-Vorschlag per Verhaltenskodex zum Papier bekennen sollen.

Die Sicherheit als Vorwand?

„Das Papier ist grundsätzlich falsch angelegt“, bemängelt Thien. „Gegen ein sicheres Stadionerlebnis spricht selbstverständlich nichts“, unterstreicht er. Aber: Diese Sicherheit gibt es längst, meint der Fan. „Im Stadion ist man nicht nur genauso sicher wie an jedem anderen Ort, sondern man erlebt das schönste Spiel der Welt in toller Atmosphäre.“ Sollte es tatsächlich einmal zu kritischen Situationen kommen, setzt Thien auf den lokalen Dialog. Beispiel Kaiserslautern. „Wenn es Probleme gibt, sprechen wir mit dem FCK und suchen Lösungen. Das ist der Ansatz: konkrete Probleme lokal lösen.“ Thien steht beispielhaft für ein breites Bündnis innerhalb der Lauterer Fanszene. Diverse Fangruppierungen des FCK haben sich positioniert. Mit der Ultra-Gruppe Frenetic Youth haben die Perspektive FCK, die Fanvertretung sowie die Generation Luzifer und Pfalz Inferno einen Schulterschluss gezeigt. „Wir lehnen das DFL-Papier in vollem Umfang ab“, schreiben sie in einer gemeinsamen Erklärung. Bundesweit haben Fußballfans nun vor wenigen Wochen ein Zeichen gesetzt: mit organisierten Schweigeminuten und Totenstille im Stadion. Doch warum überhaupt der DFL-Vorstoß? Es gehe der DFL in Wirklichkeit überhaupt nicht um Sicherheit im Stadion, mutmaßt Thien. „Es geht darum, das Produkt Fußball von den letzten Merkmalen zu befreien, die der Vermarktung und der Eventisierung dieses Sportes entgegenstehen. Das sind freie Meinungsäußerungen auf Spruchbändern oder Gesänge, die den Herren nicht passen.“ Für Thien unverständlich. Denn: „Fußball ist ein zentrales Kulturgut in Deutschland.“ Die These: Die DFL nutzt das Sicherheitsargument als Vorwand für eine strategische Publikumsauslese. Also der Faktencheck: Wie sicher sind die deutschen Stadien wirklich? Wie groß ist die Gefahr randalierender Zaungäste? „Regiogeflüster“ fragt nach. Bei Franz-Josef Brandt. Brandt ist Leiter der Polizeidirektion Kaiserslautern und Einsatzleiter „Fußball“ beim Polizeipräsidium Westpfalz. Sein Credo: Der Stadionbesuch ist sicher.

Fußball-Sicherheit in der Westpfalz

„Das Fanverhalten inner- und außerhalb des Stadions ist überwiegend friedlich“, sagt er. So wirken die Zahlen in Kaiserslautern alles andere als alarmierend: 2011/2012 kamen durchschnittlich 42.000 Zuschauer zu den Bundesligaspielen ins Fritz-Walter-Stadion. Bei den Gesamteinsätzen wurden pro Spieltag im Saisondurchschnitt 7,7 Straftaten gezählt und lediglich 2,8 Verletzte. Prozentual ein verschwindend geringer Anteil. Mit Blick auf die Bundesliga-Begegnungen des FCK spricht Brandt von hohen Sicherheitsstandards der WM-Arena. Der Polizeidirektor betont: „An alle Eingriffsmaßnahmen der Ordnungsbehörden sind strenge Maßstäbe an die Verhältnismäßigkeit anzulegen.“ Ob hier eine stärkere Kontrolle am Stadioneingang, wie es die DFL fordert, zielführend zur Erhöhung der Gesamtsicherheit ist, darf bezweifelt werden. Denn: „Allgemein ist bundesweit festzustellen, dass Sicherheitsstörungen im Zusammenhang mit Fußballspielen vermehrt auf den Reisewegen festzustellen sind.“ Grundsätzlich läuft beim Polizeipräsidium Westpfalz eine regelrechte Sicherheitsmaschinerie, wenn die Roten Teufel auflaufen. Dazu gehören Aufklärungsmaßnahmen im Vorfeld und während eines Spiels sowie Abstimmungen zwischen den Vereinen und den Sicherheitsakteuren aus Verwaltung, auf Landes- oder Bundesebene. Auch in die Fan-Szene wirkt die Polizei, bei FCK-Heimspielen sind sogenannte Anti-Konfliktteams im Einsatz. Neuerdings kommt dabei gar Social Media zum Einsatz: Per Twitter verfolgt man eine deeskalierende Informations-und Kommunikationsstrategie. In der Saison 2010/2011 waren im Durchschnitt 276 Polizeibeamte im Einsatz, in der Saison 2011/2012 waren es 235. Ein großes Engagement, über dessen Kosten Brandt aus „einsatztaktischen Gründen“ keine Angaben macht.

Luft für’s eigentliche Fußballspiel

„Wichtig ist, dass nicht ständig neue theoretische Konzepte, Strategiepapiere, Forderungen oder x-Punkte  gesellschaftliche Barrieren überwindet. Eine Begeisterung, die sich vielleicht trüben lässt. Aber nicht bezwingen überhaupt nicht um Sicherheit im Stadion, mutmaßt Thien. „Es geht darum, das Produkt Fußball von den letzten Merkmalen zu befreien, die der Vermarktung und der Eventisierung dieses Sportes entgegenstehen. Das sind freie Meinungsäußerungen auf Spruchbändern oder Gesänge, die den Herren nicht passen.“ Für Thien unverständlich. Denn: „Fußball ist ein zentrales Kulturgut in Deutschland.“

Der Artikel ist in der Dezember Ausgabe des Regionalmagazin "Regiogeflüster" erschienen.
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