Donnerstag, 8. November 2012

Die Sache mit dem Stadionerlebnis


Bundesweit streiten DFL und Fanvertreter über das „Sichere Stadionerlebnis“. „Regiogeflüster“ fragt, was die FCK-Fans meinen…

„Ein Teil unserer Fans sind Arschlöcher!“ Das sagte Martin Kind, Präsident von Hannover 96, vor wenigen Wochen. Es ging um verbale Entgleisungen der eigenen Anhängerschaft gegenüber dem Ex-Hannover-Spieler Emanuel Pogatetz, der nun in Wolfsburg kickt. Sicher gewinnen die 96-Fans mit ihren beleidigenden Schlachtrufen keine Sympathiepunkte. Doch auch Kind hat sich verbal verrannt. Eine verkeilte Situation, die symptomatisch ist für das aktuelle Verhältnis zwischen Fans und Funktionären.

Denn derzeit ist Druck im Kessel. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) hat ein Papier vorgelegt. „Sicheres Stadionerlebnis“ lautet der Titel des Dokumentes und möchte Maßnahmen definieren, die den Stadionbesuch sicher machen. Eigentlich ein konsensfähiger Ansatz. Wären da nicht die Fans, die wöchentlich ins Stadion pilgern. Und die bei der Erarbeitung des Papiers überhaupt nicht gefragt wurden. Entsprechend wird der DFL mit ihrem Maßnahmenkatalog nun Realitätsferne vorgeworfen.

Einige Bundesligaclubs haben angekündigt, das Papier nicht verabschieden zu wollen. Unlängst hat sich auch der 1. FC Kaiserslautern von dem Maßnahmenkatalog distanziert. Zuvor hatten sich bereits diverse Fangruppierungen des FCK entsprechend positioniert. Darunter die Perspektive FCK, die Fanvertretung sowie die Ultra-Gruppen Frenetic Youth, Generation Luzifer und Pfalz Inferno. „Wir lehnen das DFL-Papier in vollem Umfang ab“, schreiben sie deutlich.

„Die Fans fühlen sich überfahren“
Doch worum geht’s in der Diskussion? Und was meinen die Lauterer Fans? „Regiogeflüster“ hört sich um. Sebastian Scheffler ist gewählter Fanvertreter. Er hat sein Ohr dran an der Fanszene. „Hauptknackpunkt des DFL-Papiers ist, dass es mit den Fans, ihren Vertretern und Organisationen nicht besprochen wurde“, erklärt er. Auf höchster Funktionärsebene sei abgestimmt worden – ohne die Bedürfnisse der Basis zu kennen oder abzufragen. „Die Fans fühlen sich überfahren.“

Aber nicht nur emotional. Auch inhaltlich gibt es heftigen Widerstand gegen den DFL-Katalog. Jochen Grotepaß ist ein Querdenker in der Lauterer Fanszene, hat in Internetbeiträgen bereits mehrfach kritisch zur Diskussion beigetragen. Er sagt: „Es spricht absolut nichts gegen ein ,sicheres Stadionerlebnis‘.“ Im Gegenteil: Großtepaß sieht die deutschen Stadien hier vorbildlich. Er zitiert aus dem DFL-Papier, in dem es heißt: „Beim Blick auf die Veranstaltungslage in den höchsten deutschen Spielklassen ist festzustellen, dass Infrastruktur und Spielorganisation im Zusammenspiel aller Sicherheitsträger sowie der Zuschauerservice bereits heute auf höchstem Niveau sind und Probleme lokal gelöst werden.“ Grotepaß fragt: „Wenn also alles auf höchstem Niveau ist, warum sollte etwas verändert werden?“

Wieso die Sicherheitsstufe erhöhen, wenn die Stadien im Grunde längst sicher sind? Scheffler weist auf das Bild randalierender Fans, das in Medien verbreitet wird. „Journalisten berichten gerne und viel über den Fußball, und natürlich sind Aufreger willkommene Nachrichten“, erklärt Scheffler. Allerdings werden hier Einzelfälle medial überhöht dargestellt. Scheffler meint: „In den vergangenen Jahren sind die Zuschauerzahlen gestiegen, aber die Atmosphäre in den Stadien ist friedlicher geworden.“ Das Bild randalierender Fans sei in der Realität kaum anzutreffen.

Grotepaß bemüht die Statistik: „In der Saison 2010/11 gab es insgesamt in deutschen Stadien 846 Verletzte. Die gesamte Besucherzahl dieser Wettbewerbe betrug 17,6 Millionen Zuschauer. Natürlich ist jeder Verletzte zu viel. Jedoch sind mit knapp 0,005 Prozent aller Besucher in Stadien der Profiligen ein so verschwindend geringer Prozentsatz verletzt worden, dass bei einem ,normalen‘ Tag auf dem Münchner Oktoberfest mehr Verletzte zu beklagen sind. Aber keiner fordert in einem Konzeptpapier ,Sicheres Volksfesterlebnis‘, dass jeder Besucher einen Gewaltverzicht unterschreibt oder ansonsten allen Besuchern in seinem Reisebus der Zugang verwehrt wird.“

Ausziehen im Container
Eben solche Maßnahmen sind es, die die Fanszene am DFL-Papier stören. Dazu erzürnt die Fans ein Verhaltenskodex, den ihnen die DFL auferlegen will. Scheffler unterstreicht: „Man sollte einen solchen Katalog gemeinsam mit den Fans erarbeiten.“ Dies ist nicht geschehen. So wirkt der Kodex nun wie der drohende Zeigefinger, mit stupiden Bestrafungsregeln, strenger Kontrolle und überzogenen Repressionen. Dazu kommen Vollkontrollen, bei denen sich Fans vor dem Stadionbesuch in Containern zur Leibesvisitation ausziehen sollen. Auch das traditionelle Verlangen der Fans nach Stehplätzen wird im DFL-Papier indirekt in Frage gestellt. 

Für Christine Wetz indiskutabel. „Denn wer kann bei einem Fußballspiel, wenn es um den eigenen Verein geht, schon sitzen?“ Außerdem ein sozialer Faktor: Ein Stehplatz entspricht durchschnittlich 1,5 Sitzplätzen und ermöglicht damit günstigere Ticketpreise. Wetz schüttelt den Kopf, wenn sie an das DFL-Papier denkt. Sie ist ebenfalls engagierte FCK-Fanaktivistin, als Teil der „Betze-Määd“, dem einzigen „weiblichen“ Fanclub der Roten Teufel.

Ob sie sich im Stadion in der „Männerdomäne Fußball“ unsicher fühlt? Keineswegs. Auch sie lehnt die DFL-Vorschläge ab. Denn: „Die gegenwärtigen Probleme werden durch die vorgeschlagenen Maßnahmen nicht gelöst“, sagt sie. Von einem übergeordneten Reglement hält sie wenig: „Diese Probleme sollten lokal gelöst werden. Maßnahmen müssen auf jeden Verein, dessen Fanszene und die lokalen Verhältnisse angepasst und mit den verantwortlichen Stellen und Personen vor Ort abgestimmt werden. Zentral ist die Einbindung der Fans.“

Lösungen vor Ort
Scheffler setzt ebenfalls auf einen lokalen Dialog. „Im Gegensatz zu anderen Vereinen sind wir sehr weit beim FCK“, lobt er die Fanarbeit auf dem Betzenberg. „Fanspezifische Themen werden mit dem Vorstand besprochen“, aktuell habe es Gespräche gegeben. So formulieren es die Perspektive FCK, die Fanvertretung sowie die Ultra-Gruppen Frenetic Youth, Generation Luzifer und Pfalz Inferno in ihrem Schreiben an die Vereinsführung: „Der bisherige Weg des FCK, der einen offenen und fairen Dialog zwischen der Vereinsführung und den Fans vorsieht, sollte weiterhin durch die Umsetzung geeigneter Ideen gefördert und nicht durch fremde Einflüsse behindert werden.“


Quelle: Der Artikel ist in der Novemberausgabe des Regionalmagazins "Regiogeflüster" erschienen.
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